Klartext mit: Mario Reiß

Mario Reiß wurde im April 1966 geboren, ist Lokomotivführer und seit 2024 Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) sowie Mitglied im Verwaltungsrat der BAHN-BKK. Mit uns hat er darüber gesprochen, welchen Stellenwert bei ihm das Thema Gesundheit einnimmt und was ihm im täglichen Miteinander besonders wichtig ist.

Mario Reiß
Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)

pulsprivat: Herr Reiß, Sie vertreten täglich die Interessen tausender Beschäftigter im Bahnsektor. Was treibt Sie persönlich an und welche Rolle spielt für Sie dabei das Thema Gesundheit?
Mario Reiß: Was mich persönlich antreibt, ist vor allem die Sinnhaftigkeit meiner Arbeit. Die Interessen unserer Mitglieder zu vertreten, ist für mich nicht nur eine Funktion oder ein Amt, sondern ein wesentlicher Teil meiner Identität. Gerade deshalb spielt das Thema Gesundheit für mich eine wichtige Rolle. Ich versuche, bewusst auf Ausgleich zu achten, mir Ruhephasen zu nehmen und Bewegung in den Alltag einzubauen. Gleichzeitig merke ich, dass mentale Faktoren einen großen Unterschied machen. Wer eine Tätigkeit ausübt, mit der er sich stark identifizieren kann und die er als sinnvoll erlebt, bleibt oft auch psychisch stabiler und belastbarer. Dieses Glück habe ich, und dafür bin ich sehr dankbar.
pulsprivat: Die BAHN-BKK ist die Unternehmenskasse der Deutschen Bahn, viele Mitglieder der GDL sind bei der BAHN-BKK krankenversichert. Wann sind Sie das letzte Mal mit der BAHN-BKK in Berührung gekommen?
Mario Reiß: Ich stehe regelmäßig im Austausch mit dem Vorstand der BAHN-BKK. Uns ist es als GDL ein wichtiges Anliegen, dass es eine branchennahe Krankenkasse gibt, die die besonderen Arbeitsbedingungen im Eisenbahnsektor kennt und berücksichtigt. Die Anforderungen im Bahnbetrieb sind in vielen Bereichen speziell – etwa durch Schichtdienst, unregelmäßige Arbeitszeiten und hohe Verantwortung. Gerade deshalb suchen wir im Dialog immer wieder nach Möglichkeiten, wie Angebote weiterentwickelt und noch besser auf die Bedürfnisse der Beschäftigten zugeschnitten werden können.

pulsprivat: Schichtarbeit, Zeitdruck und hohe Verantwortung prägen viele Tätigkeiten im Bahnsektor. Wo sehen Sie aktuell die größten gesundheitlichen Belastungen für die Beschäftigten?
Mario Reiß: Schichtarbeit und Zeitdruck gehören seit jeher zu den prägenden Belastungsfaktoren. Aktuell beobachten wir jedoch, dass insbesondere die psychische Belastung deutlich zunimmt. Leider ist dabei auch der Sicherheitsfaktor der Eisenbahner in den letzten Jahren ein immer eklatanterer Faktor geworden, auf den wir zu reagieren versuchen, aber sicherlich müssen wir noch mehr machen.
pulsprivat: Welche Rolle spielen Prävention und Gesundheitsförderung aus Sicht der GDL, was läuft bereits gut und wo gibt es noch Nachholbedarf?
Mario Reiß: Prävention und Gesundheitsförderung haben einen sehr hohen Stellenwert. Ein gutes Beispiel dafür sind die speziellen Gesundheitswochen für besonders belastete Schichtarbeiter, die wir gemeinsam über den FairnessPlan e. V. und FairnessBahNEn e. V. in Zusammenarbeit mit der BAHNBKK anbieten. Diese Programme werden sehr gut angenommen und zeigen, dass zielgruppenspezifische Angebote für Beschäftigte im Bahnbetrieb einen echten Mehrwert bieten können.
Gleichzeitig sehen wir weiteren Handlungsbedarf, denn Gesundheitsvorsorge setzt voraus, dass Termine verlässlich organisiert werden können. Wenn Dienstpläne sich kurzfristig ändern oder häufig umgestellt werden, wird es schwierig, Arztbesuche oder therapeutische Maßnahmen zuverlässig einzuplanen. Hinzu kommt, dass die medizinische Versorgung in vielen ländlichen Regionen spürbar dünner wird. Das ist zwar ein gesamtgesellschaftlicher Trend, trifft Beschäftigte im Bahnbereich mit unregelmäßigen Arbeitszeiten jedoch besonders stark. Umso wichtiger sind flexible, arbeitsplatznahe und branchenspezifische Präventionsangebote, die diesen besonderen Rahmenbedingungen Rechnung tragen.
pulsprivat: Wie hat sich – Ihrer Meinung nach – das Gesundheitsbewusstsein bei Arbeitgebern und Beschäftigten in den vergangenen Jahren verändert?
Mario Reiß: Aus meiner Sicht ist das Gesundheitsbewusstsein sowohl bei Arbeitgebern als auch bei Beschäftigten in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen. Auf Arbeitgeberseite gibt es zunehmend das Verständnis, dass Gesundheit kein „weicher Faktor“ ist, sondern direkte Auswirkungen auf Arbeitsfähigkeit, Verfügbarkeit und Qualität hat.
„Gesundheit ist kein ‚weicher Faktor‘, sondern hat direkte Auswirkungen auf Arbeitsfähigkeit, Verfügbarkeit und Qualität.“
pulsprivat: Was tun Sie, um z. B. nach intensiven Verhandlungsphasen abzuschalten?
Mario Reiß: Nach intensiven Verhandlungsphasen ist für mich zunächst wichtig, die Situation richtig einzuordnen. Man muss Erfolge bewusst wahrnehmen und würdigen, gleichzeitig aber auch mit Rückschlägen sachlich umgehen können. Sehr hilfreich ist für mich der Austausch mit dem Team. Wenn die akute Anspannung nachlässt, setzen wir uns zusammen und reflektieren die Phase noch einmal in Ruhe. Dieses gemeinsame Aufarbeiten sorgt für Klarheit im Kopf und hilft beim inneren Abschalten. Und wenn es der Terminplan zulässt, nutze ich auch bewusst kurze Auszeiten. Solche Unterbrechungen sind wichtig, um Abstand zu gewinnen und wieder neue Energie zu sammeln.
pulsprivat: Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die sich mit großer Leidenschaft beruflich engagieren, aber gesundheitlich nicht auf der Strecke bleiben wollen?
Mario Reiß: Ich würde jungen Menschen raten, früh auf Ausgleich und verlässliche Routinen zu achten. Leidenschaft und Engagement im Beruf sind etwas sehr Positives – aber sie sollten nicht dauerhaft zulasten der eigenen Gesundheit gehen. Man kann nicht alles gleichzeitig auf höchstem Niveau leisten. Wer lernt, Aufgaben sinnvoll zu gewichten und sich auch Erholungszeiten einzuplanen, bleibt langfristig leistungsfähig.
